Man stelle sich vor…

Seit einer gefühlten Ewigkeit ist der Name HC Ambri-Piotta mit dem Wort „Erfolglosigkeit“ verbandelt, wie wenn eine böse Hexe aus den Tiefen des Gotthardmassivs einen Fluch über den Verein gelegt hat.

War vor einigen Jahren (laange her) die Teilnahme an den Playoffs eine Selbstverständlichkeit, ist sie heutzutage schon fast eine Utopie. 

Auch wenn der legendäre Dorfklub bis heute wohl oder vielleicht trotz dieser Missstände nach wie vor beliebt ist, wie wohl kein anderer Club in der Schweiz, wäre es an der Zeit, dass ein starker Krieger dem Fluch ein Ende bereitet. Natürlich würde man auch eine Fee begrüssen, die dieser schwarzen Magie den Garaus macht.

Wenn wir schon bei der Fantasie sind: Was wäre, wenn unser HC Ambri-Piotta so aussehen würde:

Sommer 2030. Der steinreiche Viktor Abramov (Name frei erfunden) eröffnet anlässlich einer pompösen Zeremonie den neuen Sportpalast in Ambri. Zu Gast sind illustre Gäste wie Wayne Gretzky, Jaromir Jagr (ja, er lebt und spielt noch), der gesamte Bundesrat sowie die Staatsmänner Vladimir Putin (immer noch Russlands Präsident) und Donald Trump (immer noch US-Präsident, da er das Gesetz der 8-jährigen Maximalpräsidentschaft abgeschafft hat) samt Entourage. Das neue Prunkstück des Tessins folgt nur 11 Jahre nach Bottas „Swisscom TV – Arena“.

Die neue Spielstätte des neu strukturierten Vereins „HC Ambri Oligarchs“ bietet alles, was sich Prime-Time-Gäste wünschen. Man beachte nur schon die Speisekarte des stadioninternen Restaurants, das auf vier Stockwerke verteilt ist, damit so viele Tische wie möglich eine Sicht auf die Geschehnisse auf dem Eis ermöglichen. Von 5- Gang-Menus über Champagner mit Kaviar bis zum Hummer, ist aus der von 5-Sterne-Koch Dariusz Besterkochov geleiteten Küche im Untergrund des Komplexes alles zu haben.

Natürlich gibt es auch für „normale“ Zuschauer genügend Platz. Man habe die Tradition der Fankultur beibehalten wollen, weshalb die riesige neue Curva Sud über sage und schreibe 7‘500 Stehplätze verfügt. Mittels einer App kann der Stehplatz-Fan sein Bier oder einen Snack bestellen und mittels eines Codes an einem der 10 Ausschankstellen links und rechts der Kurve bequem abholen. Die Bezahlung erfolgt durch die Kreditkarte, der Ausschank vollautomatisiert.

Bei den Sitzplätzen geht es schon ein bisschen feudaler zu und her. Die Sitze verfügen trotz sehr angenehmen Stadioninnentemperaturen über eine Sitzheizung mit mehreren Stufen (je nach Sitzplatzkategorie), WLAN Kopfhörer für den Empfang des stadioneigenen Kommentars in 5 Sprachen (italienisch, deutsch, französisch, englisch und russisch), verstellbarer Rückenlehnen mit Massagefunktion.
Natürlich kann man auch hier per App Getränke und Essen bestellen, anders als im Stehplatz-Sektor wird hier direkt an den Platz geliefert.

Was Ambri schon nur betreffend Gastronomie-Service mit insgesamt 3 Restaurants und unzähligen Verkaufsständen etc. bietet, verlangt einen gewaltigen personellen Einsatz.

Der Garderoben-Trakt ist grosszügig bemessen. Im Vergleich zur alten Spielstätte haben die Spieler des Heimteams dreimal so viel Platz als vorher. Der Gast muss sich mit dem einer Garderobe begnügen, die in etwa doppelt so gross ist, wie die des SC Bern.

Neben der Heimgarderobe befindet sich die Praxen der hauseigenen Ärzte, Physiotherapeuten, Masseuren, sowie ein Spa-Bereich mit je einem Kalt- und Warmwasser-Bassin, Sauna, Whirlpools etc.

Fährt man mit dem Aufzug ein Stockwerk weiter runter, kommt man in die Trainingsräume: Fitness-Raum, Turnhalle, ein Eisfeld in NHL-Grösse.

Dies nur einige Beispiele um aufzuzeigen, wohin die neuen Besitzer den ehemaligen kleinen Dorfklub, der Jahr um Jahr darum kämpfte nicht pleite zu gehen, gebracht haben.

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Ambri ist seit der Übernahme durch Viktor Abramov im Jahr 2021 6-mal in Folge Meister, 4–mal Cupsieger und 4-mal Champions-League-Gewinner geworden. In diesen Jahren hat Abramov bereits zweimal dem HC Lugano finanziell unter die Arme gegriffen. Das ehemalige Grande Lugano ist jetzt in etwa da, wo sich die Ambri Oligarchs (damals noch HC Ambri-Piotta) im 2017 befanden. Abramov sagte unlängst, dass er es nicht zulassen würde, dass Lugano von der Hockeywelt verschwinden würde, weil seine Söhne nicht ohne die Derbies sein könnten. Wer weiss, was passiert, wenn die Söhne mal erwachsen sind…

Während seiner Eröffnungsrede teilt Abramov die Verpflichtung von 5 neuen Ausländern mit, 3 Stürmer, 1 Verteidiger und einen Goalie. Allesamt im besten Alter und führend in ihren jeweiligen Positionen in der NHL bzw. KHL. Es scheint also alles wieder auf eine von den Ambri Oligarchs dominierten Meisterschaft hinzudeuten.

Stopp! Aus der Traum.

Das wollen wir nicht wirklich oder?

Wir sind zum Glück um einiges bescheidener. Wenn wir wählen könnten, würden wie unsere jetzige Valascia auf ewig behalten (Renovationen die nötig sind, mal ausgeklammert).

Ich nehme an, ich bin nicht allein, wenn ich sage, dass Ambri soweit wie möglich das bleiben soll, was es ist. Ein Dorfklub, der es schafft, sich in der höchsten Liga zu behaupten.

Mir ist wichtiger, Ambri bleibt bestehen, als dass Ambri Meister wird.

Ich wünsche mir nur wieder regelmässig Playoffs und ein Team, mit dem man sich endlich wieder richtig identifizieren kann. Das vor Kampfgeist, Leidenschaft und Wille strotzt. Den Stolz und Grantigkeit der Leventina repräsentiert.

Eine Prima Squadra, die wieder so genannt werden kann, nämlich eine von Tessinern gespickte Mannschaft.

Ambri per sempre, ma non a tutti costi! Ambri für immer, aber nicht um jeden Preis. Lieber arm und um den Strich herum, als reich und langweilig.

Text: Angelo Lanini

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